Regula Pfister: Das Interview

Verfasst von Edith Tanner

Regula Pfister – 45 Jahre lang mit Herzblut Lehrerin in Schötz


Liebe Regula Du wirst im Sommer nach 45 Jahren treuem Engagement an der Schule Schötz pensioniert. Lass uns gemeinsam mit dir zurückblicken:


Woher nahmst du so viel Energie, um 45 Jahre lang ohne Unterbruch zu unterrichten?

Regula Pfister: Ich habe immer sehr gerne unterrichtet und gewann viel Energie aus dem, was von den Kindern, den Eltern, aber auch den Kollegen und Kolleginnen zurückkam. Hier in Schötz fühlte ich mich immer unglaublich wohl. Ein weiterer Pluspunkt war, dass ich extrem gut abschalten und mich erholen konnte nach der Schule.


Was ist in den letzten 45 Jahren gleich geblieben an der Schule Schötz?

Das Schulhaus ist immer noch dasselbe geblieben - nur ein einziges Mal habe ich das Schulzimmer gewechselt. Einige Kolleg*innen haben mich all die vielen Jahre begleitet. Und neue Herausforderungen kamen schon immer auf uns zu.


Was hat sich am Lehrerberuf am meisten geändert in den letzten Jahren?

Früher war man ein Einzelkämpfer im Schulzimmer, heute ist man ein Teamplayer und arbeitet mit den anderen Lehrpersonen zusammen. Natürlich haben sich auch die Lehr- und Lernformen verändert vom vorwiegenden Frontalunterricht zu individuellerem Unterricht mit Planarbeit und selbst organisiertem Lernen. Die Bandbreite an Schulkindern ist auch viel grösser geworden, da man heute fast alle Kinder in die Regelklassen integriert und zusammen mit den IF-Lehrpersonen versucht, jedem Kind gerecht zu werden und jedes optimal zu fördern. Nicht zuletzt hat natürlich auch die Digitalisierung eine grosse Umwälzung gebracht und die Arbeit mit dem Computer hat vieles erleichtert.


Wie sind die Schüler und Schülerinnen im Vergleich zu früher?

Die Kinder sind viel offener und kommunikativer als früher, was ich schön finde. Wenn sie mir manchmal „Du, Frau Pfister“ sagen, denke ich für mich: Lieber „Du, Frau Pfister“ als „Sie, dumme Kuh“ (lacht dabei).

Gewisse Umgangsformen wie grüssen und „Danke“ oder „Bitte“ sagen, sind heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Umso mehr freut mich ein wertschätzender Umgangston.


Was hat dir, „Frau Pfister“, am meisten Freude bereitet?

Die Beziehung zu den Kindern zu spüren, war für mich immer das Schönste in der Schule. Manchmal gab es sogar positive Reaktionen von ehemaligen Schülerinnen und Schülern, das hat mich sehr gefreut. Dazu war ich den Eltern – die teilweise selber schon bei mir im Unterricht waren – für ihr Wohlwollen sehr dankbar.

Grosse Freude hat mir der gute Zusammenhalt im Team bereitet. Ich habe mich unglaublich wohl gefühlt unter den Lehrpersonen in Schötz und die gemeinsamen „Lehrerkafis“ am Freitag nach Schulschluss gehörten jeweils zu den Höhepunkten – ich habe selten eines verpasst!


Welches war dein wichtigstes Anliegen in einer Klasse?

Ich bin sehr harmoniebedürftig und deshalb war es mir immer wichtig, eine gute Beziehung zu den Schülern und Schülerinnen aufzubauen. Aber auch der soziale Kontakt der Kinder untereinander war mir stets ein grosses Anliegen.

Vom Unterrichtsstoff her habe ich den Kindern immer wieder vor Augen geführt: „Das Geld und die Zeit müsst ihr kennen und lesen müsst ihr können, sonst werdet ihr besch… im Leben!“




Was nervte dich am meisten?

Wenn der Kopierapparat gestreikt hat! Der hatte manchmal etwas gegen mich…

Und wenn ich an der Napfwanderung teilnehmen musste. Das Wandern liegt mir nicht so sehr.


Wie hat sich der Kontakt zu den Eltern in diesen Jahren verändert?

Der Kontakt ist durch die digitalen Medien unkomplizierter geworden. Für mich hat der Elternkontakt im Verlaufe der Jahre auch eine persönlichere Note bekommen, denn am Anfang war ich jünger als die Eltern und jetzt bin ich wie ein Grosi für die Kinder. Die Gespräche mit den Eltern sind offener und weniger distanziert.


Erinnerst du dich an ein spezielles Erlebnis? Welches?

Am schlimmsten war es für mich, als ich einen Schüler mit einem Schädelbruch von der Schulreise nach Hause gebracht habe. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen und konnte die ganze Nacht nicht schlafen (falls du das liest, lieber Schüler: Es tut mir heute immer noch unglaublich leid!).

Unvergesslich ist mir ebenfalls geblieben, dass ich einen Schüler, der sich trotz meiner Warnung mit einem Sekundenkleber die beiden Zeigefinger zusammengeklebt hatte, laut heulend durch das ganze Dorf zum Arzt schleppen musste. Zum Glück konnte dieser die beiden Finger schliesslich wieder lösen.

Am lustigsten war folgende Begebenheit: Nachdem ich den Kindern ausgiebig die richtige Verwendung der Höflichkeitsform erklärt hatte, fragte ich abschliessend: „Wem müsst ihr jetzt also Sie sagen?“ Die Antwort kam prompt in Schweizerdeutsch: „I dir, Frau Pfister!“


Welches waren deine Spezialitäten beim Unterrichten?

Im Winter gab es in den alternierten Lektionen immer eine Tasse Punsch oder Tee von mir. Das war eine richtige Tradition, die in einem Adventsritual ihren Ursprung hatte.

Während den Prüfungen durften die Kinder jeweils einen Kaugummi kauen – es helfe anscheinend bei der Konzentration.

Wenn es ein schwieriges Wort oder einen schwierigen Satz gab, versprach ich den Kindern, ich würde ihnen die Hausaufgaben für eine Woche erlassen, wenn es alle schaffen, dieses eine Wort oder diesen Satz fehlerfrei zu schreiben. Es gelang ihnen allerdings in den 45 Jahren nie!


Worauf freust du dich nach deiner Pensionierung?

Es warten über 200 ungelesene Bücher zuhause auf mich! Ich werde es geniessen, mir diese in Ruhe zu Gemüte führen zu können. Ebenfalls möchte ich vermehrt Gäste einladen und neue Rezepte ausprobieren. Überhaupt habe ich mir vorgenommen, mir mehr Zeit zu nehmen für die Menschen, die mir nahestehen

Dass ich nun reisen kann, wann ich will und nicht auf die Schulferien achten muss, empfinde ich ebenfalls als angenehm. Und ich schaue fern so lange ich will – muss ja nicht mehr um 5 Uhr aufstehen.

Zu guter Letzt freue ich mich aufs Entrümpeln: Alle alten Ordner und Schulsachen entsorgen zu können und Platz zu schaffen für Neues, wird etwas sehr Befreiendes haben für mich.


Was würdest du einer jungen Lehrperson mit auf den Weg geben?

Geh deinen Weg, lass dich nicht beirren und bleibe dich selber! Hol dir Unterstützung, wenn du welche brauchst. Und das Wichtigste: Hab die Kinder gern!


Zum Schluss möchte ich mich von Herzen bei all den Menschen bedanken, die mich die ganzen Jahre begleitet und mein Leben unendlich bereichert haben!



Liebe Regu, ganz herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch und deinen unermüdlichen Einsatz an der Schule Schötz.

Wir wünschen dir für die Zukunft alles Gute und bleib, wie du bist!


264 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Erstklässler suchen Lehrerin per Video

Der Lehrermangel an den Luzerner Schulen spitzt sich zu. In der Not werden Schulleiter wie der Schötzer Peter Bigler besonders kreativ.